Der Grill ist natürlich unverkennbar, und wer vor dem Auto in die Knie geht, spürt sein Herz pochen. Vielleicht hätten die Scheinwerfer schärfer sein dürfen. Am besten gefällt die Ansicht von schräg vorn, weiter hinten zieht etwas Beliebigkeit auf, obgleich der Diffusor um die vier Endrohre natürlich eine Wucht ist. Innen richtet Alfa nach guter Art des Hauses ein, orientiert die Instrumente Richtung Fahrer, der Schaltknüppel ist kurz und knackig, zur Steuerung der Peripherie ist ein Drehsteller zuständig.

Welche Assistenten an Bord sind, bleibt noch Betriebsgeheimnis. Sicher darf man bei der italienischen Leidenschaft für Handys sein, dass sich angemessen parlieren lassen wird. Einstiegspreis und Markteinführung? Natürlich noch offen, wer 30 000 Euro und Anfang 2016 tippt, sollte nicht allzu falsch liegen. Ob ein Kombi folgt? Achselzucken bei den Verantwortlichen, die vor allem Nordamerika im Blick haben. Kombis laufen nur in Europa, da allerdings richtig.

 

Fusion führte zu neuem Nachdenken

Was Konzernchef Sergio Marchionne jetzt schon unverblümt sagt: Ohne seinen ebenso waghalsigen wie geschickten Ausflug nach Amerika wäre es mit Alfa aus gewesen. „Ohne den Zusammenschluss mit Chrysler und Jeep hätten wir niemals die Mittel gehabt, die neue Giulia zu bauen.“

Die Unternehmensgruppe Fiat, die Alfa Romeo seinerzeit aus Staatsbesitz gekauft hatte, gibt es dabei selbst nicht mehr, sie ist gerade nach der Fusion mit Chrysler im vereinten Konzern FCA aufgegangen. Doch diese Fusion war es schließlich, die zu neuem Nachdenken führte. Alfa Romeo soll nun neben Jeep zur Edelmarke des Konzerns werden. Der von Marchionne abermals bekräftigte Plan verspricht, dass im Jahr 2018 schon 400 000 Alfa Romeo verkauft werden, nachdem im vergangenen gerade mal 68 000 Autos Kunden fanden. Inzwischen scheint es eigentlich schon zu spät, um die hochfliegenden Ziele zu erreichen. Doch versprochen ist auf jeden Fall der Neuanfang, der Alfa Romeo jahrzehntelang verwehrt blieb.

Die Autofirma war 1910 gegründet worden

In den 105 Jahren der Geschichte der Marke kam es allerdings öfter vor, dass dem guten Klang des Namens eine fehlerhafte Strategie gegenüberstand. Die Autofirma war 1910 gegründet worden unter dem Namen A.L.F.A., einer Abkürzung für einen Allerweltsnamen, der nichts anderes besagte als Lombardische Automobilfabrik AG. Fünf Jahre später kam noch der zweite Begriff Romeo zur Marke, weil während des Ersten Weltkriegs ein Ingenieur namens Nicola Romeo den kleinen Autohersteller übernommen hatte und 1919 seinen Nachnamen ins Firmenlogo einfügte.

Schnell machte sich Alfa und dann Alfa Romeo einen Namen in einer Zeit, als es viele kleine Autohersteller gab, die nur einen Weg hatten, auf sich aufmerksam zu machen - mit Erfolgen bei den vielen Autorennen der Epoche. Zu den Siegestrophäen gehörten diejenigen der sizilianischen Targa Florio von 1923 sowie der Jahre von 1930 bis 1935, zehn Titel der Mille Miglia in den Jahren bis 1938, die ersten zwei Titel nach Einführung von Europameisterschaften für Rennautos 1931, schließlich die ersten Weltmeistertitel der Formel 1, die 1950 startete.

 

Die geschäftliche Entwicklung des Unternehmens war weniger glücklich. Schon während der zwanziger Jahre kam die Firma unter staatliche Verwaltung, wurde aber angeblich vom Diktator Benito Mussolini eben wegen ihrer sportlichen Erfolge erhalten und schließlich in der Wirtschaftskrise 1933 in den Staatskonzern Iri eingegliedert.

Giulia prägte nicht nur die italienischen Polizeifilme

 

Nach dem schnellen Abschied von der Formel 1 entstanden Autos für den Alltag, die Aufsehen erregten und über lange Zeit in Erinnerung blieben, wie der im Hause Bertone gezeichnete bildschöne Sportwagen Giulietta Sprint aus den fünfziger Jahren. Die Sportlimousine Giulia aus den Sechzigern prägte nicht nur die italienischen Polizeifilme, sie war anfangs stärker motorisiert als die Porsche ihrer Zeit. Der zweitürige offene Spider wurde schließlich berühmt mit Dustin Hoffman im amerikanischen Film The Graduate. Die aufwendige Technik und der schöne Schein hatten aber auch ihre Schattenseiten. Denn mit den Modellen von Alfa Romeo waren nicht nur Emotionen verbunden, sondern auch der Ruf von Unzuverlässigkeit und von Rost ab Werk.

Die turbulenten Jahre der italienischen Industrie, mit Terrorismus, Auseinandersetzungen mit ideologischen Gewerkschaften und endlosen Streiks, haben der Qualität der Autos weiter geschadet. Die Situation der verlustbringenden Autofirma Alfa Romeo im ineffizienten Staatskonzern beschrieb der Witz, der sich in einem simplen Dialog ausdrückte: „Als Freund kann ich dir das Auto zum Kostenpreis anbieten!“ - „Nein danke, ich nehme es lieber zum Listenpreis, der ist doch viel niedriger.“

Tiefpunkt von Design und Markenimage

Zum Abenteuer geriet die staatlich verordnete Gründung einer Alfa-Romeo-Fabrik bei Neapel zur Herstellung des technisch aufsehenerregenden und zugleich unzuverlässigen Alfasud. Danach folgte als Tiefpunkt von Design und Markenimage eine Partnerschaft mit dem japanischen Hersteller Nissan, die den Italienern Qualität und Effizienz bescheren sollte, aber nichts anderes hervorbrachte als eine Ableitung des gesichtslosen Nissan Cherry unter dem Namen Alfa Romeo Arna.

Das verlustbringende Unternehmen sollte schließlich privatisiert und an Ford verkauft werden, doch in wenig mehr als einer Nacht sorgte Fiat-Eigner Giovanni Agnelli für eine Wende: Damit nur ja kein Konkurrent aus dem Ausland in Italien Fuß fassen konnte, ließ Fiat seine politischen Kontakte spielen und durfte deshalb Alfa Romeo übernehmen. Doch mit der Neuerwerbung ging man danach um wie ein satter Monopolist. Schließlich hatte die sportliche Marke zunächst gar keinen Platz in der Konzernstrategie der Agnellis.

Jahrelang hatte man daran gearbeitet, die eigentlich mehr in Richtung Komfort orientierte Marke Lancia mit Rallye-Weltmeistertiteln in Richtung Sport zu trimmen, dann gehörten nach dem Zugang von Alfa Romeo plötzlich zwei sportlich angehauchte Namen zum Konzern. So richtig entwickelt wurde dann keine der beiden Marken, vielmehr wurden sie verwendet für mehr oder weniger lieblos gestaltete Ableitungen von Fiat-Plattformen. Von denen blieb nun nur noch der nun vor dem Aus stehende Kleinwagen Mito übrig, eine Ableitung vom Fiat Punto, sowie das Kompaktmodell Giulietta, ein Verwandter des farblosen Fiat Bravo.

Erst seit zwei Jahren zeigt der 900 Kilogramm leichte, aus Karbon gefertigte und bei Maserati montierte Sportwagen 4C, dass Alfa Romeo noch eine Zukunft haben soll. Die Fans der Marke hoffen immer noch. Einfach unverbesserlich ist Alfa nicht. Aber: „Wenn der Alfa Romeo Arna die Marke nicht umbringen konnte“, sagt ein ehemaliger Manager, „dann ist sie einfach unsterblich.“